VerkehrsrechtsReport (VRR)

Praxisbeitrag aus VRR 5/2009


Vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis - Gibt es Verteidigungsansätze?

aus VRR 2009, 172
(Ich bedanke mich bei der Schriftleitung von "VRR" für die freundliche Genehmigung, diesen Beitrag aus "VRR" auf meiner Homepage einstellen zu dürfen.)
Vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis - Gibt es Verteidigungsansätze?
von Rechtsanwalt Detlef Burhoff, RiOLG a.D., Münster/Augsburg

Die Verteidigung im verkehrsstrafrechtlichen Bereich ist in der Praxis des Verteidi-gers Alltagsgeschäft. Das gilt insbesondere für die Verfahren, in denen die (vorläufi-ge) Entziehung der Fahrerlaubnis nach § 111a StPO droht. Gerade in diesen Mas-senverfahren läuft vieles routinemäßig ab. Dies führt dazu, dass Verteidiger häufig meinen, eine Verteidigung lohne sich in dem Bereich nicht. Dabei wird aber überse-hen, dass ein hier errungener Erfolg dem Verteidiger einen ewig dankbaren Mandan-ten beschert. Der nachfolgende Beitrag soll anhand der beiden Checkliste überblick-artig aufzeigen, ob und wo es Verteidigungsansätze gibt.

Praxistipp:
Es ist grundsätzlich besser, von vornherein die vorläufige Entziehung der Fahrer-laubnis zu verhindern, als später versuchen zu müssen, eine angeordnete Entzie-hung rückgängig zu machen.

Tabelle: Grundfragen zur vorläufigen Entziehung der Fahrerlaubnis
(Checkliste 1: Basiswissen)
Frage Antwort
1. Welche Vorschrift ist maßgeblich? Grundlage der vorläufigen Entziehung der Fahrerlaubnis ist § 111a Abs. 1 Satz 1 StPO . Danach kann die Fahrerlaubnis vor-läufig entzogen werden, wenn dringende Gründe für die Annahme vorhanden sind, dass die Fahrerlaubnis gem. § 69 StGB entzogen wird.
2. Wann liegen „drin-gende Gründe“? Dringende Gründe für die Annahme, dass die Fahrerlaubnis gem. § 69 StGB entzogen wird, sind gegeben, wenn ein hoher Grad von Wahrschein¬lichkeit vorliegen, dass das Gericht den Be-schuldigten für ungeeignet zum Führen von Kfz halten und ihm daher die Fahrerlaubnis entziehen wird (vgl. z.B. OLG Düsseldorf DAR 1992, 197; siehe auch BVerfG VRS 90, 1).
Praxistipp:
Nach allgemeiner Meinung entspricht der Begriff „dringende Gründe“ dem Begriff des „dringenden Tatverdachts“ i.S. des § 112 StPO. D. h., es muss also eine hohe Wahrscheinlichkeit be-stehen, dass der Beschuldigte Täter einer (Verkehrs)Straftat ist (zum „dringenden Tatverdacht“ s. Burhoff, Handbuch für das straf-rechtliche Ermittlungsverfahren, 4. Aufl., 2006, Rn. 1694 ff.).
3. Müssen diese drin-genden Gründe vom Gericht besonders geprüft werden? Ja, es ist grds. eine Prüfung erforderlich. Allerdings „hilft“ die Vor-schrift des § 69 Abs. 2 StGB dem Gericht. Bei den dort enthalte-nen Regelbeispielen ist eine besondere Prüfung grds. nicht erfor-derlich.
Praxistipp:
Hier liegt ein Verteidigungsansatz. Der Verteidiger muss nämlich gerade im Fall eines Regelbeispiels versuchen, „gegen den Tat-bestand zu verteidigen“ (vgl. dazu die Checkliste 2).
4. In welchen Fällen droht die Entziehung der Fahrerlaubnis? Die Entziehung der Fahrerlaubnis droht zunächst i.d.R. in den Fäl-len der sog. Katalogtaten i.S. des § 69 Abs. 2 StGB (vgl. dazu Ziffer 5). Darüber hinaus kommt die Entziehung aber auch bei sonstigen Straftaten in Betracht, die in Zusammenhang mit dem Führen eines Kraftfahrzeuges begangen worden sind (vgl. dazu Ziffer 7).
5. Welche Taten sind Katalogtaten? Katalogtaten i.S. des § 69 Abs. 2 StGB sind
● die Straßenverkehrsdelikte der §§ 315c, 316 StGB,
● das unerlaubte Entfernen vom Unfallort gem. § 142 StGB, wenn der Täter weiß oder wissen kann, dass bei dem Unfall ein Mensch getötet oder nicht unerheblich verletzt wor¬den oder an fremden Sachen bedeutender Schaden entstanden ist
● sowie schließlich der Vollrausch nach § 323a StGB, wenn als Rauschtat eine der vorge¬nannten Taten vorliegt.
Praxistipp:
Gerade bei diesen Taten kommt es häufig routinemäßig zur Ent-ziehung der Fahrerlaubnis. Der Verteidiger muss daher insbeson-dere hier die Tatbestandsmäßigkeit des dem Mandanten zugrun-de gelegten Verhaltens sorgfältig anhand der sog. straßenver-kehrsrechtlichen Grundbegriffe (vgl. dazu Burhoff VA 2005, 107 und Burhoff in: Ludovisy/Eggert/Burhoff, Praxis des Straßenver-kehrsrechts, 4. Auflage, 2008, Teil 6 Rn. 1 ff.) und der Besonder-heiten des jeweiligen Tatbestandes prüfen.
6. Gibt es Fälle, in de-nen die Rechtspre-chung trotz Vorlie-gens eines Regelfalls von der Entziehung der Fahrerlaubnis abgesehen hat bzw. die Chance einer „Ausnahmeent-scheidung“ besteht? Ja, davon wird man vor allem dann ausgehen können, wenn be-sondere Tatumstände vorliegen, wie z.B.:
• eine nur kurze Trunkenheitsfahrt auf einem Parkplatz (OLG Stuttgart NJW 1987, 142 [Fahrtstrecke lediglich 20 m], vgl. wegen weiterer Nachw. Fischer, StGB, 55. Aufl. 2008, § 69 StGB Rn. 26),
• wenn das Kfz nur wenige Meter mit einer BAK von 1,34 ‰ (AG Wiesbaden zfs 1984, 319) bzw. mit einer BAK von 1,35 ‰ (OLG Köln VRS 81, 21 [15 m]) geführt worden ist,
• bei 50 m Fahrstrecke aus Parklücke (OLG Düsseldorf DAR 1990, 353),
• bei 25 m zur Nachtzeit auf Parkplatzzufahrt) (OLG Karlsruhe NZV 1990, 277 [trotz BAK von 3,16 ‰]),
• bei einer notstandsähnlicher Situation, wie z.B. der Be-nachrichtigung von einem schweren Unfall eines nahen An-gehörigen (LG Heilbronn DAR 1987, 29 LG Potsdam NZV 2001, 360),
• bei unvorhersehbarer Alkoholwirkung (KG VRS 26, 198) oder bei heimlicher Drogenzuführung (vgl. OLG Oldenburg DAR 1956, 253).
Praxistipp
Schwere persönliche Folgen bleiben außer Betracht, da sie nicht geeignet sind, das Gefährdungspotential zu senken. Sie haben erst später Bedeutung bei der Bemessung der Sperrfrist Bedeu-tung.
7. Worauf ist bei „Nichtkatalogtaten“ zu achten? Handelt es sich nicht um eine Katalogtat, wie z.B. bei einem un-ter Verwendung eines Kfz begangenen Drogendelikts, hat die Entscheidung des Großen Senats für Strafsachen des BGH v. 27. 4. 2005 erhebliche Bedeutung geklärt (vgl. BGHSt 50, 93 m.w.N.). Darin stellt der BGH für sog. „Nichtkatalogtaten“ bzw. Taten der allgemeinen Kriminalität auf einen (verkehrsspezifi-schen) Zusammenhang zwischen Tat und der Sicherheit des Straßenverkehrs ab (vgl. dazu auch Burhoff VA 05, 121). Um zu prüfen, ob dieser verkehrsspezifische Zusammenhang besteht, empfiehlt sich folgender Fragenkatalog
• Lässt die (Anlass)Tat selbst tragfähige Rückschlüsse darauf, dass der Täter bereit ist, die Sicherheit des Straßenverkehrs seinen eigenen kriminellen Zielen unterzuordnen (BGH, a.a.O.).
• Der Rückschluss wird i.d.R. zulässig sein bei sog. „Verkehrs-straftaten“, die nicht vom Katalog des § 69 Abs. 2 StGB er-fasst werden, wie z.B. die Fälle der Nötigung und des gefähr-lichen Eingriffs in den Straßenverkehr (§§ 240, 315 b StGB)
• Bei Taten der allgemeinen Kriminalität, sog. Zusammen-hangstaten, ist nach der Rspr. des BGH (vgl. BGH, a.a.O.) erforderlich, dass dargelegt wird, dass der Täter bereit ist, sich zur Erreichung seiner kriminellen Ziele über die im Ver-kehr gebotene Sorgfalt und Rücksichtnahme hinwegzusetzen. Das ist anhand konkreter Umstände festzustellen, die sich aus der Tat unter Berücksichtigung der Täterpersönlichkeit ergeben (müssen).
8. Rechtsprechungs-beispiele zur (vor-läufigen) Entziehung der Fahrerlaubnis bei Nichtkatalogtaten (s. im Übrigen auch Burhoff VRR 2005, 15, 18 f.) für Entziehung der Fahrerlaubnis (vgl. auch BGHSt& 50, 93):
• wenn der Täter sich bei einer vergleichbaren früheren Straftat, etwa auf der Flucht, verkehrsgefährdend verhalten hat,
• wenn bei Banküberfällen aufgrund objektiver Umstände bei der Tat mit alsbaldiger Verfolgung und Flucht zu rechnen war und der Täter daher eine verkehrsgefährdende Verwendung des fluchtbereit tatortnah abgestellten Kraftfahrzeugs ersicht-lich geplant hat oder mit einer solchen nahe liegend rechnen musste (vgl. auch Duttge JZ 2006, 104 in der Anm. zu BGH, a.a.O.),
• i.d.R. in den Fällen gewaltsamer Entführung des Opfers im Kraftfahrzeug,
• Reifen werden so durchstochen, dass die Luft nur langsam entweicht (OLG Karlsruhe NZV 2005, 590 = VRS 109, 272 = DAR 2005, 695),
• bei einer Verurteilung wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis (BGH VRR 2006, 430 = NStZ-RR 2007, 89 = NZV 2007, 212),
• ggf. bei einer Freiheitsberaubung (§ 239 StGB), wenn die Gefahr bestand, dass sich das Opfer seiner Freiheitsberau-bung während der Fahrt in dem Pkw körperlich widersetzte, wodurch dann bei einem Gerangel zumindest eine Gefahr für die Sicherheit des Straßenverkehrs hätte entstehen können (BGH VRR 2008, 42 [Ls.] = VA 2008, 65 [Ls.]).
gegen Entziehung der Fahrerlaubnis (vgl. auch dazu BGH VRR 2006, 430 = NStZ-RR 2007, 89 = NZV 2007, 212)
• nicht bei der bloßen Nutzung eines Kraftfahrzeugs zur Su-che nach Tatobjekten oder Tatopfern,
• wohl auch nicht die Fahrt mit dem Pkw zum Tatort, um dort z.B. einen Betrug zu begehen, z.B. an einer Tankstelle, oder einen Raub (BGH, Beschl. v. 13. 7. 2005, 1 StR 153/05), vielmehr muss die Anlasstat tragfähige Rückschlüsse darauf zulassen, dass der Täter bereit ist, die Sicherheit des Stra-ßenverkehrs seinen eigenen kriminellen Interessen unterzu-ordnen,
• nicht, wenn der Täter das Tatopfer unter Anwendung einer List in seinem Fahrzeug zu einem abgelegenen Ort bringt, um dort eine Sexualstraftat zu begehen (BGH NJW 2005, 2933),
• nicht bei der bloßen Nutzung eines Kraftfahrzeuges für den Transport von Diebes- oder Schmuggelgut,
• auch nicht bei der bloßen Begehung eines Diebstahls mit ei-nem Fahrzeug als Tatwerkzeug (vgl. AG Lüdinghausen VRR 2008, 34), es sei denn das Diebstahlsobjekt wird an einem Ladungssicherungsgurt mehrere Kilometer kann gezogen (vgl. AG Lüdinghausen, a.a.O.),
• nicht bei der bloßen Nutzung zur Begehung einer Hehlereitat (BGH, Beschl. v. 9. 12. 2005, 2 StR 235/05),
• i.d.R. nicht in den so genannten Kurierfällen, in denen der Täter im Fahrzeug Rauschgift transportiert, denn ein allge-meiner Erfahrungssatz, dass Transporteure von Rauschgift im Fall von Verkehrskontrollen zu besonders riskanter Fahr-weise entschlossen sind, besteht nicht (vgl. BGH NStZ 2003, 311, so auch BGH VA 2006, 48), was vor allem dann gilt, wenn besondere Vorkehrungen gegen eine Entdeckung des Rauschgifts, etwa durch Benutzung besonders präparierter Verstecke, getroffen worden sind (BGH StV 2006, 186).
9. Ist die vorläufige Ent-ziehung der Fahrer-laubnis zwingend? § 111a Abs. 1 Satz 1 StPO ist eine Kann-Vorschrift. Allerdings wird die Entziehungsmaßnahme, wenn die Voraussetzungen vor-liegen, getroffen werden müssen, wenn nicht besondere Umstän-de dagegen sprechen (Meyer-Goßner, StPO, 51. Aufl., 2008, § 111a Rn. 3).
Praxistipp:
Auch hier bietet sich ein Verteidigungsansatz. Der Verteidiger muss die Besonderheiten des Falles - sowohl in sachlicher als auch in persönlicher Sicht - herausstellen.
10. Wie lange kann die Fahrerlaubnis vorläufig entzogen werden? Grds. ist die Entziehung der Fahrerlaubnis während der gesamten Verfahrens zulässig (OLG Hamm zfs 2002, 199 = NZV 2002, 380; OLG Koblenz VRS 67, 254; 68, 118; OLG Karlsruhe VRS 68, 360; OLG Düsseldorf DAR 1992, 187; Meyer-Goßner, a.a.O., § 111 a Rn. 3 m.w.N.; a.A. soweit ersichtlich nur LG Trier VRS 63, 210; LG Hagen NZV 1994, 334 und teilweise a.A. Kropp NStZ 1997, 471). I.d.R kommt es unmittelbar nach dem Verkehrsverstoß zur Entziehung. In dem Fall bietet der Zeitablauf keinen Verteidi-gungsansatz. Etwas anderes gilt, wenn die Fahrerlaubnis erst ge-raume Zeit nach dem Verkehrsverstoß entzogen werden soll. Ob und wie lange das zulässig ist, ist in der Rechtsprechung nicht ganz unbestritten.
11. Welche Argu-mente können gegen eine noch längere Zeit nach dem Ver-kehrsverstoß bean-tragte/beabsichtigte Entziehung der Fahrerlaubnis vorge-tragen werden? Es bieten sich im wesentlichen zwei Argumente an, und zwar:
1. Ist das Verfahren ausreichend schnell geführt worden (vgl. dazu Ziffer 11)?
2. Spricht der allgemeine Verhältnismäßigkeitsgrundsatz gegen die „jetzt noch“ beantragte Entziehung (vgl. dazu Ziffer 12)?
12. Inwieweit gilt der haftrechtliche Be-schleuni-gungsgrundsatz? Der Anwendungsbereich des haftrechtlichen Beschleunigungs-grundsatzes auf „§ 111a-Verfahren“ ist nicht ganz unbestritten. Die obergerichtliche Rechtsprechung geht jedoch davon aus, dass er teilweise entsprechend anzuwenden ist (BVerfG zfs 2005, 622; OLG Hamburg zfs 2007, 409; OLG Hamm zfs 2002, 199 = NZV 2002, 380; OLG Karlsruhe StV 2005, 429; LG Frankfurt StV 2003, 69; LG Würzburg StV 2005, 545).
Praxishinweis:
Das bedeutet, dass die Verfahren, in denen eine Entziehung der Fahrerlaubnis droht, grds. vorrangig zu verhandeln sind. Darauf muss der Verteidiger drängen und auf „effektive Verfahrensgestal-tung“ (vgl. BVerfG, a.a.O.) achten. Abzulehnen ist in dem Zu-sammenhang eine Entscheidung des OLG Hamm (VRR 2007, 233 = NZV 2007, 639), dem ein Verfahrensstillstand von rund sechs Monaten in der Berufungsinstanz nicht ausgereicht hat, um die vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis aufzuheben (vgl. da-zu aber OLG Hamburg, a.a.O.).
13. Was ist bei der Prüfung der Frage hinsichtlich der Ver-hältnismäßigkeit ei-ner „späten“ Entzie-hung zu beachten? Bei der Prüfung dieser Frage sind alle Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen und gegeneinander abzuwägen (vgl. dazu OLG Düsseldorf und OLG Hamm, jeweils a.a.O.; OLG Köln StV 1991, 248, zuletzt LG Saarbrücken zfs 2007, 470). Von Bedeu-tung kann in dem Zusammenhang z.B. sein, dass es sich bei dem Beschuldigten um einen Berufskraftfahrer handelt, der sich nach dem Verkehrsverstoß nichts mehr hat zu schulden kommen las-sen (OLG Hamm, a.a.O. für die Entziehung der Fahrerlaubnis bei einem Berufskraftfahrer 10 Monate nach dem Verkehrsverstoß). Auch der Umstand, dass ggf. schon Hauptverhandlung anberaumt ist kann von Bedeutung sein (vgl. LG Kiel VRR 2008, 203 [Ls.] = VA 2008, 141 [Ls.], das aus dem Grund eine Entziehung 4 Mona-te nach der Tat abgelehnt hat).
14. Besteht die Mög-lichkeit, die (vorläufi-ge) Entziehung der Fahrerlaubnis zu be-schränken? Ja, das ist nach § 111a Abs. 1 Satz 2 StPO möglich, wenn beson-derer Umstände die Annahme rechtfertigen, dass der Zweck der Maßnahme dadurch nicht gefährdet wird. Diese Formulierung ent-spricht der Regelung in § 69a Abs. 2 StGB.
Praxishinweis:
Die Beschränkung ist von Amts wegen möglich, wird insoweit aber wohl die Ausnahme sein. Deshalb muss der Verteidiger dazu vor-tragen und einen entsprechenden Antrag stellen. Dabei sind fol-gende Grundsätze von Bedeutung (vgl. eingehend zu den Fragen Burhoff/Möller VA 2003, 136):
• Die Beschränkung kann nur für bestimmte Kraftfahrzeugar-ten ausgesprochen werden (vgl. dazu zuletzt, allerdings für die ebenfalls mögliche Beschränkung eines Fahrverbotes nach § 25 Abs. 1 Satz 1 StVG; OLG Karlsruhe NZV 2004, 653; OLG Bamberg VRR 2006, 230 = VA 2006, 102 = DAR 2006, 515; VRR 2006, 432 = VA 2006, 174; VRR 2008, 75 = NStZ-RR 2008, 119 [beim Taxifahrer Beschränkung auf Fahr-verbot hinsichtlich Krad]; OLG Hamm VRR 2007, 73; OLG Düsseldorf NZV 2008, 104 = VRR 2008, 114 (Ausnahme von Einsatzfahrzeugen der Feuerwehr und Krankenwagen); s. aber OLG Hamm DAR 2006, 100 m. abl. Anm. Krumm DAR 2006, 100; siehe auch noch OLG Celle DAR 1996, 64; OLG Brandenburg VRS 96, 233, 235; OLG Naumburg DAR 2003, 573.
• Bei charakterlichen Mängeln, also z.B. einer Trunkenheits-fahrt nach § 316 StGB; wird die Beschränkung die Ausnahme bilden.
15. Lohnt es sich, gegen die vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis ein Rechtsmittel einzu-legen? Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten, sondern hängt von den Umständen des Einzelfalls ab (vgl. dazu Stephan VRR 2005, 331; Burhoff, EV, Rn. 2026 ff.).

Tabelle 2: Tatbestandsbezogen Fragen
(Fragenkatalog 2:
Frage Antwort
1. Welche allgemeinen Fragen/Umstände können eine Rolle spielen? Steht der Mandant als Fahrer fest? Ist das nicht der Fallt, muss der Verteidiger zusammen mit dem Mandanten überlegen, ob diesem die Fahrereigenschaft nachgewiesen werden kann und welche Einlassung ggf. abgege¬ben werden soll. Hier ist vor allem von Bedeutung, ob ggf. Zeugen den (bestreitenden) Mandanten wieder erkennen können (zur Gegenüberstellung und zum Wiedererkennen, Burhoff, EV, Rn.860).
● Sind die vorliegenden Beweismittel verwertbar (vgl. dazu z. B. LG München StV 1999, 143 LG Koblenz DAR 2002, 326)?
● Ist die Tat überhaupt im „öffentlichen Verkehrsraum“ began-gen worden (vgl. dazu Deutscher VRR 2005, 83; zuletzt u.a. BGH NJW 2004, 1965 = DAR 2004, 399 m.w.N.; BGH DAR 2004, 529 = NStZ 2004, 625 und OLG Hamm VRR 2008, ).
2. Worauf ist bei Trun-kenheitsfahrten be-sonders zu achten? Hier stellen sich folgende Fragen:
● Ist eine dem Beschuldigten entnommene Blutprobe über-haupt verwertbar oder besteht ggf. ein Beweisverwertungs-verbot, weil der Richtervorbehalt bei der Blutentnahme nicht beachtet worden ist (vgl. zu dieser Problematik aus der Rechtsprechung OLG Hamburg StraFo 2008, 158 = VRR 2008, 183 = StRR 2008, 190; OLG Stuttgart VRR 2008, 31 = StRR 2008, 26 = VA 2008, 29 = NStZ 2008, 238 m. Anm. Götz; OLG Karlsruhe, Beschl. v. 29. 5. 2008, 1 Ss 151/07, StRR 2008, 282 [Ls.]., LG Hamburg VRR 2007, 478 = StRR 2007, 349 = NZV 2008, 213 m. Anm. Laschewski; LG Itzehoe NStZ-RR 2008, 249; LG Berlin VRR 2008, 231 = StRR 2008, 227 = VA 2008, 139; AG Essen VRR 2007, 479 = StRR 2007, 350 = VA 2008, 14 = StraFo 2007, 505).
• Wenn die Fahruntüchtigkeit auf die Einnahme anderer berau-schender Mittel, wie z. B. Dro¬gen oder Medikamente zurück-zuführen ist, ist darauf zu achten, dass der Nachweis von Drogenwirkstoffen im Blut allein noch nicht die Annahme der Fahruntüchtigkeit rechtfertigt (vgl. zuletzt BGH VRR 2008, 313). Dafür sind vielmehr weitere aussagekräftige Beweisan-zeichen erforderlich (zuletzt u.a. OLG Hamm VRR 2007, 394 = StRR 2007, 355).
3. Was kann bei uner-laubtem Entfernen vom Unfallort von Bedeutung sein? • Liegt überhaupt ein Unfall i.S. des § 142 StGB vor? Das ist nur dann der Fall, wenn sich in dem Verkehrsgeschehen, ge-rade die typischen Gefahren des Straßenverkehrs verwirk-licht haben und das Geschehen nicht auf deliktischer Pla-nung beruht (vgl. BGHSt 47, 158)?
• Von Bedeutung ist auch die Frage, ob es sich nicht nur um einen völlig belanglosen Schaden handelt. Die h.M. zieht die Grenze hier inzwischen wohl bei 50 € (vgl. Ludovi-sy/Eggert/Burhoff, a.a.O., Teil 6 Rn. 292 ff. m.w.N.; vgl. aber auch Himmelreich DAR 2006, 1 m.w.N. [150 €]).
• Handelt es sich überhaupt um einen bedeutenden Schaden i.S. des § 69 Abs. 2 Nr. 3 StGB? Die Grenzen und die Rspr. dazu sind fließend: Inzwischen dürfte die Grenze bei mindes¬tens 1.300 € liegen (OLG Dresden NJW 2005, 2633; OLG Hamburg zfs 2007, 409; OLG Jena DAR 2005, 289). Die Grenze wird aber auch schon höher, nämlich bei 1.400 € (LG Frankfurt VRR 2008, 430 = StRR 2008, 473) bzw. bei 1.500 € gezogen (s. LG Hamburg VRR 2007, 203 [Ls.]; AG Saalfeld DAR 2005, 52).


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